Bruchlandung ohne Milchquote

Aus dem Soft Landing wurde eine Bruchlandung

(Westerstede/Niedersachsen) Unter diesem Vorzeichen stand die Podiumsdiskussion des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter e.V. zum Thema "Fast 100 Tage ohne Quote".

Eingeladen hatte das BDM-Landesteam Niedersachsen, Podiumsgäste warentl_files/agrarwende/content/Termine/2015/Tierhaltung/P1390801web.jpg:

  • Landwirtschaftsminister Christian Meyer,
  • Dr. Sascha Weber (Thünen-Institut)
  • Jan Heusmann (Landesvereinigung Milchwirtschaft e.V.),
  • Ottmar Ilchmann (ABL-Vorsitzender Niedersachsen),
  • Romuald Schaber (BDM-Vorsitzender)

Wolfgang Johanning, BDM-Landesteam Niedersachsen, eröffnete die Veranstaltung und beschrieb mit diesem Satz treffend die aktuelle Lage der Milchviehhalter. Über 300 Landwirte, Verbraucher und interessierte Gäste waren in den bis zum Rand gefüllten Veranstaltungssaal von Heinemann's Gasthaus in Westerstede gekommen. Sie alle waren gespannt auf die Handlungsvorschläge der Podiumsgäste, wie auf den Preisverfall am Milchmarkt reagiert werden soll. Durch den Abend führte Moderator Ernst Steenken, der die Podiumsgäste prägnant und auf den Punkt gebracht zu Wort kommen ließ.

Landwirtschaftsminister Christian Meyer appellierte an die Bundesregierung: "Wir brauchen neue Spielregeln für den Markt". "Es ist deutlich zu viel Milchmenge am Markt. Die Supermärkte drücken die Preise auf ein Niveau, von dem viele Bauern nicht leben können", fügte der Minister hinzu. Aus diesem Grund setzt er sich für Maßnahmen ein, die Anreize zur Mengenregulierung vorsehen. Als wichtiges Kriseninstrument sieht er das BDM-Marktverantwortungsprogramm. Daneben schlug er weitere Stabilisierungsmechanismen wie staatlich geförderte Versicherungssysteme zur Liquiditätssicherung sowie schnelle Liquiditätshilfen vor. Um der niedersächsischen Milch ein ausdrucksvolleres Gesicht zu geben und mehr Wertschöpfung auf die Betriebe zu bringen, will er zukünftig die Weidemilch wirksamer vermarkten.

Der ABL-Vorsitzende Ottmar Ilchmann, ABL e.V. Niedersachsen, sieht bei dem starken Preisverfall eine große Gefahr darin, dass immer mehr Milchviehhalter aufgeben. "Wir verlieren Kollegen, wir verlieren die Wertschöpfung und wir verlieren die ländlichen Räume", äußerte sich der Landwirt besorgt über die Entwicklung. Er erklärte das starke Machtgefälle, bei dem die Bauern nur wenigen Molkereien und den fünf dominierenden Einzelhändlern in Deutschland gegenüber stehen. Fehlende Konkurrenz um die Milch lassen die Bauern zu Restgeldempfängern werden, betonte Ilchmann. "Zähneknirschend müssen die Landwirte den schlechten Milchpreis akzeptieren, weil sie keine Möglichkeiten zum Molkereiwechsel mehr haben", fügte er hinzu. "Gegensteuern können wir nur, wenn wir das Angebot verknappen", argumentierte Ilchmann. Für den ABL-Vorsitzenden ist es unbegreiflich, dass die Milchviehhalter ihr Produkt unter Erzeugerpreis abgeben.

Dr. Sascha Weber vom Johann Heinrich Thünen-Institut machte nicht die fehlende Regulierung, sondern steigende Milchmengenanlieferungen für den Preisverfall verantwortlich. Der Wissenschaftler sprach sich deutlich gegen den Einsatz eines Marktkriseninstruments aus. Für ihn herrscht der freie Markt. Zwar verstehe er, dass die aktuelle Lage für den Einzelnen schwierig sei. Für den Landwirt sieht er als größte Herausforderung das Risikomanagement in den Griff zu bekommen. Nach seiner Meinung wird die Wahl des richtigen Strategiemixes über den Erfolg des Betriebes entscheiden. Außer seiner Sicht werden langfristig die Lebensmittelpreise im Anbetracht wachsender Weltbevölkerung steigen. Er argumentierte, "besonders sind hochqualitative Milchprodukte aus Europa in Asien gefragt".

tl_files/agrarwende/content/Termine/2015/Tierhaltung/P1390816web.jpgDer EMB*-Vorsitzende Romuald Schaber ließ die blühenden Exportaussichten für europäische Milchprodukte nicht lange auf sich sitzen. "Der Export von sogenannten Standard-Milchprodukten macht für uns Milchviehhalter keinen Sinn, wenn damit keine entsprechende Wertschöpfung erzielt wird, welche die Milcherzeugungskosten vollständig deckt", widersprach er seinem Vorredner. Schaber betonte, "nur wir Milchviehhalter müssen es selber in die Hand nehmen. Aus diesem Grund hat der BDM e.V. praxisnahe Lösungsvorschläge in dem Konzeptpapier zum Milchmarkt-Krisenmanagement erarbeitet". "2015 ist ein verlorenes Jahr. Die Milchpreise fallen und die Bauern bluten", beschrieb Schaber die aktuelle Situation.

[Der European Milk Board ist eine Dachorganisation von 20 Mitgliedsverbänden aus 15 EU-Ländern]

Jan Heusmann, Vorsitzender der Landesvereinigung der Milchwirtschaft Niedersachsen e.V., machte deutlich, dass auch er als Milchviehhalter den Preisverfall am eigenen Leib spürt. Dennoch distanzierte er sich von einer Mengensteuerung. Er befürchtet zu viele Härtefälle und sieht das Problem der Auslöseschwellen bzw. wer diese festsetzt. Er schlug vor, in Krisenzeiten den Interventionspreis anzuheben. Auf der anderen Seite sieht er Potenzial bei den Molkereien innovative Produkte herzustellen. "Aus der Molke kann noch viel gemacht werden", schilderte Heusmann. Die nationale Nachfrage nach europäischen bzw. deutschen Milchprodukten stimme ihn auch für die Zukunft mutig. Nach seiner Meinung hat die Molkereiwirtschaft die Qualitätsstandards immer weiter vorangetrieben.

Den anwesenden Bauern reichten die Vorschläge aus der Wissenschaft und des Vertreters aus der Landesvereinigung Milchwirtschaft nicht aus. Die Landwirte wollten zu später Stunde noch Genaueres erfahren und zukunftsträchtige Ideen zur Gestaltung eines effektiven Milchmarktes mit nach Hause nehmen. Die Milchbäuerin Gabriele Stockhoff wurde konkret und brachte ihr Anliegen auf den Punkt: "Wie kommen wir aus der Krise?"
Auch Dieter Schmidt nutzte die Gelegenheit und griff die Frage nach den Betriebserweiterungen auf:
"Die Kuhställe werden größer und die Milchmenge wird auch größer. Aber wo und zu welchem Preis geht die Milch hin?"

Auf die gezielten Fragen folgten offene Antworten. "Wir müssen mit den Zyklen leben", erklärte Jan Heusmann den Markt ohne Regeln und auch Sascha Weber konnte nur mit den Worten besänftigen: "Nach schlechten Jahren folgen auch wieder gute Zeiten."

Ein großer Teil der anwesenden Milcherzeuger hielt von diesen Perspektiven nichts und stimmte eher dem Fazit von Ottmar Ilchmann zu: "Wissenschaft und Molkereibranche haben sich hier ratlos und hilflos präsentiert, zur Lösung der Krise haben sie kein Konzept."
Zum Ende der Veranstaltung appellierte Romuald Schaber an die Solidarität seiner Berufskollegen: "Aus diesem Grund rufe ich auf: Wir Bauern müssen es selber in die Hand nehmen, nur wir haben Interesse an kostendeckenden Milchpreisen. Wenn wir selber nicht aktiv werden, wird keiner etwas für uns tun."

(Bericht des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter)

 

Hinweise:
1. Unter anderem wurde das BDM-Konzeptpapier „Milchmarkt-Krisenmanagement" (Download 450 kb) zur Diskussion gestellt. (siehe auch unten stehende Grafik)

2. Die Vokalbel "Milchlieferstreik" taucht derzeit hier und da wieder auf. Was war das noch?

Den nun bereits sieben Jahre zurück liegenden zehntägigen MIlchlieferstreik vom Frühjahr 2008 beleuchtete Ulrich Jasper in seinem Beitrag für den "kritischen Agrarbericht 2009". Damals machten bald zwei Drittel der bundesdeutschen Milchbauern beim Streik mit. Dieser Beitrag, der (leider) noch immer aktuell ist und auch für die jetzige Situation die Fragen auf den Punkt bringt, wird bei der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) zum freien Herunterladen angeboten (PDF 400 kb). Hier – um Appetit auf mehr zu machen – der Anfang dieses Beitrags:

Milchstreik 2008
Starke Bewegung, selbstbewusste Bauern und Bäuerinnen, solidarisches Handeln

Agrarpolitisch ist 2008 das Jahr der Milchviehhalter. Fast zehn Tage lang haben rund zwei Drittel der deutschen Milcherzeuger den Milchfluss zu den Molkereien gestoppt. Eine ungeahnt hohe Beteiligung und eine überwältigende Sympathie in der Bevölkerung wurden erreicht. Der folgende Beitrag erklärt die Vorgeschichte, Hintergründe und Zusammenhänge dieses „historischen Ereignisses". Berichtet wird über die zähen Verhandlungen mit der Milchindustrie und die ersten Erfolge am Markt. Und über das politische Tauziehen, in dem der Deutsche Bauernverband sich gegen die Streikenden gestellt und die Politik ihr Wort gebrochen hat. Die Perspektive für die Milchbauern und -bäuerinnen lautet: eigenständige Interessenvertretung mit dem Ziel kostendeckender Preise durch eine bedarfsorientierte Mengensteuerung. …

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"Emotionen kochen bei vielen Bauern hoch", Bericht der NWZ (Nord-West-Zeitung Oldenburg) vom 17. 6. 2015

"Greifen Bauern erneut zum Milchstreik?", Bericht der ALSO Oldenburg 

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